In Zeiten des Druckerei-Sterbens braucht es neue, zielgruppengerechte Geschäftsmodelle

Eine Einschätzung zur Lage der Druckindustrie

Wenn mich jemand nach meiner Einschätzung zur Lage der Druckindustrie fragt, dann antworte ich gerne mit einem Zitat des letzten deutschen Kaisers: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“ Das führt dann oft zu Irritationen, wird als Sarkasmus oder als Witz abgespeichert. Aber so ist es nicht gemeint.

Dieses Zitat wird Kaiser Wilhelm II. in unterschiedlichem Wortlaut, zu unterschiedlichen Gelegenheiten und mit unterschiedlichen Jahresangaben von 1900 bis 1914 zugeschrieben. – Das macht den Historiker in mir skeptisch, Zweifel an der Authentizität sind berechtigt.

Dennoch: Wenn er es gesagt haben sollte, ist es ein hervorragendes Beispiel für eine grandiose Fehleinschätzung. – Vielleicht nur deshalb, weil Seine Majestät es sich nicht anders vorstellen konnte, als es immer schon war.

Gedruckt wird immer. – Weil wir uns nichts anderes vorstellen können?

Es gibt auch heute viele, die sagen, Gedrucktes werde es immer geben. Es werde auch in 50 oder 100 Jahren noch Bücher und Zeitungen geben. Wer weiß? An dieser Stelle soll jetzt nicht die Diskussion geführt werden, ob das stimmt oder nicht. Aber die Frage sei erlaubt, ob solche Aussagen dem reinen Zweckoptimismus entspringen oder ob sie auf Fakten beruhen. Werden sie gemacht, weil sie beweisbar sind oder weil wir uns nichts anderes vorstellen können? Es war immer so, es wird auch immer so sein.

Kaiser Wilhelm II. (stehend) in seinem Automobil (Urheber: Unbekannt, Quelle: Wikimedia)
Kaiser Wilhelm II. (stehend) in seinem Automobil (Urheber: Unbekannt, Quelle: Wikimedia)

Das Pferd lebt!

Nach heutigem Kenntnisstand irrte Kaiser Wilhelm. Wobei wir nicht wissen, ob das Automobil nicht auch nur ein Zwischenstand ist – eine Momentaufnahme.

Wie auch immer: Das Pferd ist trotz allem nicht ausgestorben. Es gibt in Deutschland nach Angaben der Deutschen Reitervereinigung aktuell etwa 1 Mio. Pferde, 1903 waren es 4,20 Mio. – also ungefähr viermal so viele. Eine Entwicklung, die auch den Druckereien prognostiziert wird. Den heutigen Pferden geht es hierzulande aber meistenteils besser als den armen Gäulen, die damals buchstäblich noch ackern mussten. Heute werden Pferde im Reitsport eingesetzt oder sind einfach Haustier. Ihre vordringliche Bestimmung ist nicht mehr das Ziehen von Lasten und das moderne Pferd ist meist besser genährt als seine Vorfahren. Das Pferd lebt – auch ohne dass Plakate diese Botschaft postulierten.

Neue Geschäftsmodelle müssen her

Ausgestorben sind die Unternehmen, die mit Pferden und einem vorindustriellen Geschäftsmodell Geld verdienen wollen, indem sie die Tiere in Fuhrunternehmen, in der Schifffahrt, beim Militär oder im Ackerbau einsetzen.

In der Ausgabe 19/2015 vom Horizont beschreibt Jürgen Scharrer das Ableben von Print als „die wahrscheinlich langsamste Disruption der Welt“. Das Problem von Print – so schreibt er in Bezug auf Tageszeitungen – bestehe nicht darin, dass es quasi über Nacht von einem neuen Geschäftsmodell abgelöst werde, sondern dass es ein schrumpfendes Geschäftsmodell sei. Aber schrumpfend in einem Tempo, das beherrschbar erscheint. Die Gefahr für den Journalismus sieht Scharrer also eher in einem Ausdünnen der Zeitungsredaktionen und einer nachlassenden journalistischen Qualität sowie darin, dass sich, wie Frank Schirrmacher kurz vor seinem Tod warnte, „Silicon-Valley-Heroen wie Google oder Facebook zu einer Art Super-Verleger neuen Typs aufschwingen“.

Wenn also die Menschen dazu übergingen, nur noch von Freunden empfohlene Neuigkeiten zur Kenntnis zu nehmen oder wenn gar Zeitungen dazu übergingen, direkt für Facebook zu schreiben – dann wäre das eine echte Disruption und ein Paradigmenwechsel für die Gesellschaft und die Demokratie insgesamt.

Online-Print als Heilsbringer?

Neue Geschäftsmodelle braucht also auch meine Branche – die Druckindustrie. Große Online-Druckereien leben es scheinbar vor. Drucken zu einer wirklichen Industrie zu machen, weg von der Manufaktur. Vom Einspänner zum Sechsspänner zum Zwölfspänner. Skeptiker sagen, das sei kein neues Geschäftsmodell, sondern nur ein neuer Vertriebsweg. Damit greift man sicherlich zu kurz. Haben doch die großen Internetdruckereien nicht nur einen neuen Vertriebsweg in der Druckereilandschaft etabliert, sondern gleichzeitig die internen Prozesse in einer Perfektion automatisiert, wie wir das sonst aus der Automobilindustrie kennen. Damit haben die Internetriesen allen Druckereien auch eine neue Kundengruppe eröffnet, nämlich die Privatkunden, die sonst bestenfalls bei Trauerkarten und Abi-Zeitungen auf professionelle Unterstützung gesetzt haben.

„Es geht um Kundenbedarfe und nicht um Vermeidung von Veränderung.“

Thomas Masselink, Geschäftsführer BWH GmbH


Ein Geschäftsmodell muss zukunftsgerichtet sein. Das trifft auf Online-Print sicherlich zu, denn alles, was man digitalisieren kann, wird digitalisiert werden. Alles, was man über das Internet beziehen kann, wird in naher Zukunft über das Internet bezogen werden. Und alles, was man heute noch nicht über das Internet beziehen kann, wird dahingehend gepimpt, dass es eines Tages möglichst onlinefähig ist. – Nicht nur im Printbereich.

Die Zielgruppe entscheidet

Das E-Business Print ist also durchaus ein neues, die Branche revolutionierendes Geschäftsmodell. Aber ist es das einzige, das eine Zukunft hat? Wird es irgendwann nur noch Online-Printer geben?

Was ist mit den vielen, speziellen Branchenanforderungen, die sich noch nicht automatisieren lassen oder die bei einem Massengeschäft von einigen Tausend Druckaufträgen pro Tag jedwede Logistik sprengen? Hier sind die Druckereien gefragt, ihre Zielgruppe zu analysieren und zu befragen, um solche Prozesse offenzulegen und für ihre jeweilige Zielgruppe bestmöglich zu bedienen.

Was ist mit Anforderungen, die über Print hinausgehen? Genauso wie es in den Verlagshäuser heute nur noch selten eine vollständige Trennung zwischen Online-Redaktion und Print-Redaktionen gibt, wird es in Zukunft den Wunsch geben, nicht mehr unterschiedliche Dienstleister für Print, Online und mobile Anwendungen zu haben. Auch hier schlummert Potenzial jenseits des Online-Drucks.

Völlig sinnentleert wäre es, wenn jetzt alle Drucker, die immer noch das Online-Geschäft scheuen, auf solche Marktlücken schielen. Es geht um Kundenbedarfe und nicht um Vermeidung von Veränderung. Also, Drucker, schaut auf eure Kunden und folgt eurer Zielgruppe. Und passt euer Geschäftsmodell schnell genug an – sonst ist es zu spät.

 

 



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Über den AutorThomas Masselink ist Geschäftsführer des Mediendienstleisters BWH, Germanist und Historiker. Er schreibt über Fachthemen und Kolumnen rund um die Arbeitswelt und das tägliche Leben.
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