Disruptive Innovation [Teil 2]: (K)ein Vergleich mit dem Silicon Valley

Disruptive Innovation [Teil 2]: (K)ein Vergleich mit dem Silicon Valley

Das traditionelle Unternehmen hinkt dem Startup hinterher

In dem ersten Teil des Artikels ging es um den Begriff „Disruptive Innovation“, die Arbeitsweise im Silicon Valley und im Vergleich dazu die Arbeitsweise in deutschen Unternehmen.

Auch deutsche Startup-Unternehmen weisen ein disruptives Potenzial auf, wagen aber dennoch selten den Schritt ins Risiko.

 

Hürden eines deutschen Startups

Startup-Unternehmen haben nicht die Verantwortung für eine ganze Belegschaft, wie es bei einem traditionellen Unternehmen der Fall ist, sondern nur für sich selbst. Daher können sie mit ruhigem Gewissen risikoreicher sein.

Das Problem ist hier aber die Finanzierung. Ein Investor finanziert nur äußerst ungerne etwas, wenn er nicht weiß, ob er sein Geld wiedersieht, aber kaum ein Gründer hat so viel Geld, dass er seine eigene disruptive Innovation finanzieren könnte. Es gibt Finanzierungsmöglichkeiten, aber es ist nicht einfach. Daher gehen viele Deutsche mit ihrer Innovationsidee ins Silicon Valley, weil dort die Finanzierungsmöglichkeiten ausgesprochen gut sind.

No risk, no fun

Die Risikobereitschaft von Investoren ist im Silicon Valley sehr hoch. So können sich Erfinder auf die Forschung konzentrieren, ohne sich um die Finanzierung kümmern zu müssen. 

Das Scheitern eines Projektes wird dort nicht verurteilt. Vielmehr steht ein gescheiterter Gründer für jemanden mit hohen Erfahrungswerten und intensivem Wissen. Er kann anderen Gründern helfen, Fehler zu vermeiden und aus seinen Fehlern zu lernen.

Diese Denkweise über das Scheitern ist in Deutschland teilweise auch schon etabliert, doch leider noch nicht Standard. In Deutschland würde ein Unternehmer, der mit seiner Idee gescheitert ist, sehr wahrscheinlich keine zweite Chance bekommen und wägt daher ab, ob er den Schritt ins Risiko wagen sollte oder nicht.

Zu einer disruptiven Innovation eines Startups im Silicon Valley gehört, dass mindestens einmal innerhalb seines Innovationsprozesses das gesamte Geschäftskonzept radikal geändert wird, um weiterhin am Markt eine Chance zu haben. Der Amerikaner nennt es „Pivoting“ (engl. „Schwenken“). Das wiederum kostet eine Menge Zeit und Geld und damit verbunden steht ein noch höheres Risiko.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der das Silicon Valley erfolgreich macht, ist die Leidenschaft, mit der dort gearbeitet wird.

Mit Leidenschaft zum Ziel

Den Teams dort geht es nicht vorrangig um ihr Gehalt, sondern um die Möglichkeit, die Welt zu bewegen, etwas Neuartiges auf den Markt zu bringen und damit Probleme zu lösen. Je komplizierter die Lösung, desto besser. Bemerkenswert ist, dass Erfolg nicht zwangsläufig ein Studium voraussetzt. Viele erfolgreiche Menschen dort haben nie studiert. Ihnen wurde ohne Ausbildung eine Chance gegeben, die sie nutzten.

Wer in einem Beruf arbeitet und merkt, dass er für ein anderes Berufsfeld eine Leidenschaft entwickelt, dem wird die Chance gegeben, sich darin auszuleben. Wenn er in seiner Arbeit gut ist, darf er bleiben.

„Man muss keinen Abschluss haben, um ein Ingenieur zu sein. Ingenieur ist kein Studium, sondern eine Geisteshaltung.“

Alex Karp, Palantir


Deutschland hat nicht nur negative Gegebenheiten hinsichtlich neuer Technologie-Möglichkeiten. Die Frage, die man sich stellen muss, lautet: „Möchte ich lediglich schnell Geld machen oder möchte ich das Leben durch eine disruptive Innovation ein Stück verbessern?“ Dafür ist es aber wichtig, sich von dem Gedanken lösen, das Silicon Valley nach Deutschland kopieren zu wollen, um später genauso erfolgreich zu sein. Vielmehr sollten wir die Grundzusammenhänge des Silicon Valley kennen und verstehen und diese in eigener Interpretation in Deutschland anwenden.

Die Risiken im deutschen Traditionsunternehmen

Angenommen das technische Know-how für eine disruptive Innovation wäre in einem am Markt etablierten großen Traditionsunternehmen vorhanden. Eine Idee wäre auch da. Welchen Herausforderungen müsste sich das Unternehmen stellen?

Die Hauptaufgabe von großen Unternehmen ist es, ihre Investoren zu befriedigen und marktentsprechend weiterzuwachsen.

Ein Unternehmen hat Verpflichtungen, die eingehalten werden müssen. Im Falle einer disruptiven Innovation würden vorhandene Ressourcen nicht mehr bestmöglich eingesetzt werden, da mit dem neuen Produkt zwar ein Kundennutzen angesprochen wird, in dem Moment aber das aktuell noch vorhandene Kundenbedürfnis nicht mehr angesprochen wird. Das Unternehmen kann also kurzzeitig in die Verlustzone gedrängt werden, bis das disruptive Produkt am Markt Erfolg zeigt.

Ob das Produkt am Markt erfolgreich sein wird, kann zudem niemand sagen, weil die Marktforschung bei der disruptiven Innovation versagt – es kann kein Markt erforscht werden, der noch nicht existiert.

Daher besteht ein sehr hohes Risiko bei der Produkteinführung, das bei Nichterfolg sogar den Ruin der Firma, Entlassung der Mitarbeiter und Ausstieg aus dem Wettbewerb bedeuten könnte.

Da große Unternehmen eine Verantwortung ihren Mitarbeitern gegenüber haben, können sie nicht so einfach das Risiko einer disruptiven Innovation eingehen. Deswegen bleiben sie ihren evolutionären Innovationen treu. Seit Jahrzehnten wird Vorhandenes kontinuierlich weiterentwickelt, um so am Markt bestehen zu können. Gleichzeitig fürchten sie die angreifenden Startups von außerhalb, die mit ihren disruptiven Innovationen das bisher funktionierende Geschäft bedrohen.

Dem Pionier folgen

Um nicht unterzugehen, wollen sich viele deutsche Traditionsunternehmen gegen die disruptiven Angreifer wehren. Angreifer sind zwar häufig schneller und radikaler als ein etabliertes Traditionsunternehmen, doch Traditionsunternehmen haben einen entscheidenden Vorteil: Sie kennen ihre Branche und dessen Schwachstellen. Dieses Wissen lässt sich nutzen, um selbst aktiv zu werden und dem angreifenden Unternehmen einen Schritt voraus zu sein.

Sobald ein Traditionsunternehmen eine Ineffizienz in seinem eigenen Unternehmen entdeckt, muss es sich zum Ziel setzen, diese zu beheben. Wenn es diese Ineffizienz ignoriert, dann bietet es automatisch großen Spielraum für potenzielle Angreifer.

Wie beschrieben ist es für ein deutsches Traditionsunternehmen relativ schwer, ein Pionier auf dem Gebiet der disruptiven Innovationen zu sein. Aber dennoch können sie sich disruptive Innovationen zunutze machen.

Sie sollten nicht versuchen der Pionier zu sein, sondern dem Pionier zu folgen. Das bedeutet, dass das Unternehmen sich der Innovation entsprechend verändern muss. Dazu gehört eine Umstrukturierung der Produktion, Anpassung an den neuen Markt und Herausstechen durch Zusatzleistungen.

Wenn ein Unternehmen diese Flexibilität aufweisen kann, kann es dem Angreifer die Stirn bieten und muss nicht aufgrund mangelnder Entwicklung aus dem Wettbewerb ausscheiden. 

Deutschland hat Innovationspotenzial

Generell ist ein Potenzial zu erkennen, dass Deutschland dem Silicon Valley nicht ewig so weit hinterherhinken wird, wie es momentan noch der Fall ist. Ein Faktor in Deutschlands Innovationspotenzial ist die Innovationsethik.

Das soziale Gewissen ist in Deutschland sehr gut ausgeprägt. Das bedeutet, disruptive Innovationen werden gewissenhafter und schadenfreier durchgeführt als anderswo, was sich positiv auf den Wettbewerb auswirkt.

Außerdem kann Deutschland in der Arbeitszeit punkten, denn man achtet untereinander auf die Gesundheit und das Wohl eines Mitarbeiters, während in Firmen im Silicon Valley viele Mitarbeiter sogar freiwillig bis zum körperlichen Zusammenbruch arbeiten.

Wer mit seinem Team eine disruptive Innovation auf den Markt bringen möchte, der sollte sein Team mit einer Vision und einer Strategie motivieren und keine Regeln aufstellen, die der freien Entfaltung der Teamkollegen im Wege stehen. Da aus Fehlern bekanntlich gelernt wird, sollte man sehr fehlertolerant sein. Nur wer sich und sein Team selbst in angenehmer Atmosphäre fördert, kann sein Projekt nach vorne bringen und möglichweise der nächste disruptive Innovator werden.

Es ist eine Tatsache, dass Unternehmen mit der Produktion von rein physischen, realen Gütern in der heutigen Netzwerkökonomie schnell ins Abseits geraten. Effektiver sind digitale Innovationen, die zusätzlich zu den physischen Gütern entwickelt werden sollten. Heute geht der wirtschaftliche Hauptgewinn nämlich nicht mehr an den, der die Leistung erbringt, sondern an den, der die Leistung vermittelt – und das natürlich digital.

Daher sollten Unternehmen ihre Ineffizienz nicht durch reale Güter versuchen zu lösen, sondern einen digitalen Lösungsansatz in Betracht ziehen.

Fazit
Wenn Deutschland es schafft, sein allseits bekanntes wirtschaftliches Denken, das vor allem bei den traditionellen Unternehmen fest verankert ist, mit dem innovativen Denken aus dem Silicon Valley zu verknüpfen, bessere Finanzierungsmöglichkeiten gefunden werden und leidenschaftliche Ingenieure in ihrem Vorhaben bestärkt werden können, dann ist Deutschland einer disruptiven technologischen Innovation einen Schritt nähergekommen.



Was meinen Sie zu diesem Thema?


Ihre Meinung ist uns wichtig! *
*
*
*

* Pflichtangaben; Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Keine Kommentare
Ansprechpartner
Über den AutorNathalie Brunneke studiert Integrated Media & Communication an der Hochschule Hannover. Ihre Arbeitspraxis bekommt sie in crossmedialen Projekten bei BWH.
Ansprechpartner
Über den AutorNathalie Brunneke studiert Integrated Media & Communication an der Hochschule Hannover. Ihre Arbeitspraxis bekommt sie in crossmedialen Projekten bei BWH.
Seite teilen
  • Facebook
  • Google+
  • Twitter
  • XING
Seite teilen
  • Facebook
  • Google+
  • Twitter
  • XING
Seite teilen
  • Facebook
  • Google+
  • Twitter
  • XING
Newsletter
Bleiben Sie immer auf dem aktuellen Stand mit unserem Newsletter
Jetzt anmelden
Der schnelle Weg zum Ziel
Sprechen Sie mit uns über Ihre Ziele, Wünsche, Ideen.

t  0511 94670-0
f  0511 94670-16
m  info@bw-h.d9+svjeiip3j
Kontakt
Bleiben Sie mit uns über Fachthemen über Druck & Digital Publishing auf dem Laufenden!
Hinweis: Wir verwenden Ihre E-Mail-Adresse ausschließlich für den Versand des BWH-Newsletters.