STADT­KIND Han­no­ver - Rand­grup­pen­be­lei­di­gung

Problemmenschen

Es gibt Menschen, die haben öfters mal ein bisschen Pech. Und wenn sie richtig Pech haben, haben sie nicht einfach nur Pech, sondern zudem das Pech, dass sie mit ihrem Pech auch noch eindeutig unsympathischer dastehen als ein klassischer Pechvogel mit seinem. Ein Pechvogel ist bevorzugtes Opfer bei Fahrraddieben oder Autozerkratzern, hat ein unschönes Schlüsselerlebnis, nachdem er die Wohnungstür zugezogen hat, sperrt versehentlich seine EC-Karte und hat vielleicht nicht nur schon mal einen wichtigen Flieger verpasst, sondern auch die Chance, beim richtigen Partner zu landen. Die Liste wäre natürlich fortsetzbar – allerdings nicht beliebig. Wie bereits angedeutet: Pech ist nicht gleich Pech. Damit wären wir auch schon beim hauptsächlichen Problem unserer Randgruppenmitglieder angelangt. Natürlich ziehen auch die sich mit Vorliebe das zähe Schwarze an, sobald mal etwas nicht richtig läuft. Nur sieht das dann leider ziemlich billig aus. Problemmenschen sind ebenkeine Pechvögel.
Erzählt ein Pechvogel von seinem Pech, ist die Reaktion meist ein lautstarkes „Ach du scheeeiße!“, gefolgt von einem herzhaften Lachen, einem ungläubigen „Echt?“, einem mitleidvollen Blick mit grimassenhaften Zügen sowie einem erneut von Zwerchfell-Zuckungen begleiteten „Du hast aber auch wirklich die Scheiße an den Füßen“. Berichtet ein Problemmensch darüber, was ihm widerfahren ist, löst auch dies in erster Linie ein „Ach du scheiße“ aus. Ausgesprochen wird allerdings nur eins: „Hm.“
Der Grund für diese Zurückhaltung liegt in unserem sensiblen Gespür dafür, dass wir es hier nicht mit Pech, sondern mit einem Problem zutun haben. Über Probleme anderer mag man ja seine Scherze machen, aber doch nicht dann, wenn das Problem auch ganz schnell unser eigeneswerden könnte. Während Pechvögel oft Mitgefühl und Heiterkeit gleichermaßen auslösen, sorgt der Problemmensch lediglich für Unbehagen. Nicht, dass seine Geschichten nicht ähnlich spektakulär wären wie die des Pechvogels.
Nahezu unfassbar, wie er es geschafft hat, sich trotz extra hoher Schlappensohle, intensivster Nutzung der Desinfektionsdusche und peinlichst genauer Einhaltung des Von-der-Schlappe-ins-Handtuch-in-die-Sockein-den-Schuh-Prinzips, vom Schwimmbad einen hartnäckigen Fußpilz mit nach Hause zu nehmen. Aber nur, weil es ihm scheinbar nicht nur auf der Sohle, sondern seit Wochen auch auf der Seele brennt, werden wir noch lange nicht begeistert an seinen Lippen hängen – zumal wir mit unseren Füßen schon öfter, und just auch in diesem Moment wieder, mit auf seinem Handtuch hängen. Unseren langjährigen Saunapartner scheint zumindest dies nicht zu jucken. Im Gegenteil. Ungeniert fährt er fort, dass er sich jüngst dann auch noch einen ziemlich fiesen Wurm eingefangen habe. Schon sehen wir uns gedanklich in einem ätzenden Säure-Sitzbad hocken, um unseren Allerwertesten einer vorsorglichen Wurm-Kur zu unterziehen, da kommt endlich der befreiende Zusatz: Was hier im Arsch ist, ist einzig und allein ein Rechner. Er sei eben schlichtweg einem Trojanischen Pferdchen aufgesessen.
Dass uns nun dennoch siedendheiß wird, liegt weniger am neuen Aufguss, als daran, dass uns etwas einfällt: Unser Laptop – wem hatten wirden neulich noch mal geliehen...? Problemmensch hin oder her, nunwerden wir dann doch mal etwas laut: „Ach DU Scheiße!“

Manuela Sender


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