STADTKIND Hannover - Randgruppenbeleidigung
Herausreder
Manchmal baut man einfach Mist, verschläft irgendeinen Termin, verliert im Stress den Überblick, vergisst den wichtigen Brief tagelang in der Handtasche, erinnert sich ein paar Wochen zu spät an den eigenen Hochzeitstag, lässt die Tickets auf dem Nachttisch liegen und dergleichen mehr. Das alles ist nicht schön, aber nicht zu ändern. Fehler passieren. Fehler sind menschlich. Da können die anderen, die außer einem selbst unter dem Fehler leiden, noch so sehr schimpfen, die Karre steckt sprichwörtlich im Dreck, man kann es nicht mehr ändern. Man kann sie im Zweifel mit vereinten Kräften wieder hinausziehen, das ist alles. Es nützt ja nichts, den Unglücksraben noch zusätzlich seinen Fehler immer und immer wieder aufs Butterbrot zu schmieren. Er hat es ja nicht extra gemacht. Zwar halten manche (vor allem Chefs) das Herumreiten auf solchen Fehlern für eine wertvolle pädagogische Maßnahme, um zu verhindern, dass der gleiche Fehler noch einmal geschieht, aber meistens führt so etwas nur zur Verunsicherung des Pechvogels. Am Ende macht er aus lauter Angst vor diesem einen speziellen Fehler an anderer Stelle einen viel schlimmeren. Fehler sind also gar nicht so tragisch – vorausgesetzt sie werden zugegeben.
Womit wir bei unserer Randgruppe in diesem Monat wären, nämlich den Herausredern. Herausreder reden sich heraus, sprich sie würden niemals einen Fehler zugeben. Da wird alles Mögliche an Ausreden bemüht, auch wenn sie noch so abwegig klingen. Kommen sie zu spät, wurden sie mindestens von Außerirdischen entführt. Gerne machen sie zudem andere für ihre Fehler verantwortlich. Bevorzugt auf der Arbeit. Solche Menschen sind, um es mal blumig auszudrücken, ein Furunkel am Arsch einer jeden Bürogemeinschaft.
Da wird der Brief eines wichtigen Kunden nicht beantwortet, weil er irgendwo unter einem Stapel anderer Papiere verschwunden ist. Und dann heißt es zuerst, man habe gedacht, die Kollegin solle ihn schreiben.
Und wenn das zu abwegig ist, weil dieser eine Kunde immer nur von dem einen Herausreder betreut worden ist, dann wird der Kollegin kurzerhand unterstellt, sie habe den wichtigen Brief mit Absicht unter dem Stapel verschwinden lassen. Fertig herausgeredet. Ganz egal, was der Chef nun mit der Kollegin anstellt, Hauptsache man muss nicht den eigenen Kopf hinhalten.
Herausreder gibt es in jeder gesellschaftlichen Schicht, gehäuft natürlich in der Politik, aber auch in allen anderen Berufen. Sie sitzen in Chefetagen, stehen am Band oder am Operationstisch. Herausreder haben nie, niemals Kaffee über den Kopierer gekippt, sie haben nie, niemals den Firmenwagen bis auf den letzten Tropfen leergefahren, sie haben nie, niemals das Fenster übers Wochenende offen gelassen und sind damit auch nie, niemals verantwortlich für die fünf geklauten Laptops, genauso haben sie nie, niemals mit der Praktikantin gevögelt und sie nie, niemals geschwängert.
Die besten Freunde des Herausreders sind übrigens die Heinzelmännchen.
Sie sind für all das verantwortlich, was der Herausreder niemals getan hat. Wahre Teufel müssen diese kleinen Kerle sein. Sie rauchen auf der Toilette, pinkeln im Stehen, surfen auf Pornoseiten im Netz und machen auch sonst allerlei krumme Dinger. Ja, ohne diese kleinen Biester wäre der Herausreder ganz schön aufgeschmissen. Am Ende müsste er womöglich zu seinen Fehlern stehen, und das geht ja gar nicht so ganz ohne Rückgrat. Ein solches besitzt der Herausreder nicht, und das ist sehr hilfreich. Wie ein Wurm kann er sich aus der Verantwortung schlängeln, wobei ihm völlig egal ist, wer auf seiner Schleimspur ausrutscht.
GAH
- Datei:
randgruppen_01_2010.pdf
Demoversion
Testen Sie noir.now als Demoversion jetzt!
Sie haben keinen Benutzerzugang?
Gerne wird Ihnen Herr Pahl weiterhelfen.


