STADT­KIND Han­no­ver - Rand­grup­pen­be­lei­di­gung

Mäuschen

Wenn plötzlich die Nackenhaare senkrecht zu Berge stehen, der Magen sich verkrampft, kalter Schweiß von der Stirn tropft, dann sind das Symptome der Angst, Zeichen einer Bedrohung, einer unheimlichen Begegnung, die jeder Mensch kennt. Angst kann man vor allen möglichen Dingen und Kreaturen haben, manchmal völlig unbegründet, manchmal völlig zu Recht. Unbegründet zum Beispiel angesichts einer harmlosen deutschen Kellerspinne, absolut begründet angesichts einer Schwarzen Witwe (Latrodectus mactans). Elefanten beispielsweise haben, so sagt man, Angst vor Mäusen. Völlig unverständlich, wenn es denn tatsächlich so ist. Menschen haben wohl am häufigsten Angst vor anderen Menschen. Das wiederum ist völlig verständlich. Unsere Spezies bringt doch sehr häufig ungemein gefährliche Individuen hervor, Diktatoren oder Hausmeister, Terroristen oder unausgeschlafene und entsprechend griesgrämige Busfahrer.
Allerdings gibt es bei diesen gefährlichen Individuen – wenigstens meistens – klare Verhältnisse. Man weiß, woran man ist. Unter den Menschen tummelt sich aber eine Unterart, die eher insgeheim ihr Gift verspritzt.
Und wer ihnen bereits begegnet ist, der kann auch die vermeintliche Angst von Elefanten vor Mäusen nachvollziehen. Wir sprechen von den menschlichen Mäusen. Den Mäuschen. Mäuschen sind in der Regel weiblich. Es gibt sie natürlich auch unter den männlichen Vertretern unserer Art, aber das ist eher selten. Die wenigen, die es gibt, müssen noch ein bisschen üben. Mäuschen sind hochspezialisierte Wesen. Allein das Sprechen mit der sehr hohen, piepsigen Stimme fällt den Männern bisher nicht so leicht.
Wie definiert sich nun so ein Mäuschen? Mäuschen sind Schmarotzer, sie laben sich an der Zeit ihrer Mitmenschen, weil sie ständig Hilfe brauchen, wirklich gar nichts alleine können, absolut unselbstständig sind, völlig lebensunfähig. „Ohhhhhhh“, sagen sie dann, wobei sich ihre Stimme sensationell gekonnt zum hohen c'' aufschwingt, „daaaaaaas kaaaaaaaaaan iiiiich niiiiicht. Kaaaanst Duuuu miiiir dabeiiiiii heeeeeelfen?“
Und weil so ein Mäuschen gekonnt den Eindruck vermittelt, ein wirklich zerbrechliches kleines Sensibelchen zu sein, lässt man sich ohne groß nachzudenken hinreißen und hilft. Bei den einfachsten, alltäglichsten Dingen. Immer wieder. Wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, ist man ständig dran, denn Mäuschen sind äußerst anhängliche Wesen. Sie lassen die Hand, die sie füttert, nur ungern wieder los.
Nicht zu verwechseln sind Mäuschen übrigens mit jenen Karrierefrauen, die zum Beispiel gerne mit hoher, piepsiger Stimme andere kritisieren, damit es nicht ganz so hart klingt, die aber eigentlich über Leichen gehen. Das ist noch mal eine ganz eigene Randgruppe. Die Mäuschen, die wir meinen, machen gemeinhin keine Karriere. Sie lassen höchstens Karriere machen. Sie instrumentalisieren ihre Mitmenschen. Ohne Absicht allerdings, und das ist das Besondere. Mäuschen sind fürchterlich harmlos, sie sind derart nett, dass es schmerzt.
Wer einmal ein solches Mäuschen kennen gelernt hat, der kennt die Gefahr, dem stehen die Nackenhaare zu Berge, bei dem verkrampft sich der Magen und der Angstschweiß tropft von der Stirn, wenn er nur von weitem den bedrohlichen Singsang hört. So jemand ergreift weiträumig die Flucht, denn einem Mäuschen die Hilfe zu verweigern, das ist nicht leicht. Das ist im Gegenteil äußerst schwer, denn wenn man nicht hilft, droht so einem zarten Geschöpf ja der Untergang. Etwa so, wie wenn man jemanden allein und mit verbundenen Augen im Moor zurücklässt.
Zumindest vermittelt ein Mäuschen diesen Eindruck mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Darum ist es auch so schwer, den Hilferuf eines Mäuschens zurückzuweisen. „Duuuuuuuuuuuuu, daaaaaaaaaaas kaaaaaanst duuuuu auuuuuch alleiiiine, du duuuummmmme Nuuuuuuusssssss“, möchte man eigentlich antworten. Doch dann müsste man die empörten Blicke der Mitmenschen aushalten. Wie kann man nur?
Sie ist doch so ein kleines, unsicheres, zartes Wesen...


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