STADT­KIND Han­no­ver - Rand­grup­pen­be­lei­di­gung

Die dritte Klasse der Steuersünder

1.500 Namen von deutschen Staatsbürgern sollen sich auf der neuen „Steuersünder-CD“ finden, 1.500 schwarze Schafe, die ihr Geld am Fiskus vorbei ins Ausland geschafft haben. Jetzt können sie sich entweder selbst anzeigen oder warten, bis die Fahnder an der Haustür klingen, um mal einen dezenten Blick in die verschlossenen Schreibtischschubladen zu werfen und die heimischen Computer in die Dienstwagen zu verfrachten. Man darf gespannt sein, ob auch wieder ein paar prominente Sünder dran glauben müssen, ein paar Zumwinkels dieser Welt, die dann öffentlich reuevoll das Haupt senken dürfen, während sie auf ihre Strafe warten, die sie so arg sicher nicht treffen wird. Bei einem Steuersünder der Zumwinkel-Klasse bleibt auch nach Abzug der Nachzahlung genug übrig, um weiter herrlich sorgenfrei leben zu können.
Es gibt ja ganz unterschiedliche Klassen von Steuersündern. Im Grunde sind es drei: Bei den Zumwinkels fragt man sich, warum sie sich diesem Nervenkitzel überhaupt aussetzen. Sie hätten doch auch ohne Steuerhinterziehung genug auf der hohen Kante. Aber vielleicht ist es genau das: Ein bisschen Abenteuer, weil es ihnen da oben an der Spitze der Gesellschaft zu langweilig geworden ist. Ganz anders die zweite Klasse.
Sie könnte auf diesen Nervenkitzel bestimmt gut verzichten. An der Steuer verzweifelnde Mittelständler oder gut verdienende Angestellte, die nicht einsehen, warum sie ihr sauer verdientes Geld, ihr hart erarbeitetes Einkommen, mit den anderen teilen sollen, diesen ganzen „Schmarotzern“, für die der Sozialstaat die Versorgung übernommen hat und die gar keine Lust haben, sich selbst um ihr tägliches Brot zu kümmern. So jedenfalls steht es ja ständig in der Zeitung. Also wählt man den illegalen Weg, versteckt ein bisschen Bares unter dem Beifahrersitz und macht sich auf ins Ausland. Kleine und größere Fische sind in Sachen Bargeldschmuggel tagtäglich auf den Autobahnen unterwegs.
Im Gepäck immer die Angst, erwischt zu werden, denn im Gegensatz zu den Zumwinkel-Fischen, die lieber fahren lassen, wäre die Entdeckung für diese Sünder doch sehr schmerzhaft und würde wahrscheinlich sogar die Existenz bedrohen, die kleine Firma oder zumindest das sauer erschwindelte Ferienhaus in der Toskana. Egal ob erste oder zweite Klasse, diese beiden Steuersünder-Randgruppen hätten es durchaus verdient, hier ein bisschen durchbeleidigt zu werden. Man könnte anklagend den Zeigefinger heben: Fahrt ihr nicht auf den Straßen, die von der Allgemeinheit finanziert werden, gehen eure Kinder nicht auf unsere Schulen, bekommt ihr kein Kindergeld? Ihr solltet euch schämen, müsste man ihnen zurufen. Aber das wäre Platzverschwendung, denn die zweite Klasse hat wahrscheinlich sowieso schon ein schlechtes Gewissen und die erste Klasse genug Geld, um auf ein Gewissen grundsätzlich verzichten zu können.
Außerdem bleibt so mehr Raum für die dritte Klasse der Steuersünder, die Schumacher-Klasse. Diese Klasse verlegt ihren Wohnsitz mal eben in die Schweiz, gibt als Beruf „Rennfahrer“ an und gilt bei den Eidgenossen fortan als „erwerbsloser Ausländer“, weil es in der Schweiz keine Rennpisten gibt. Also muss der Gute dort auch keine Steuern bezahlen, nur das Fünffache seiner Jahresmiete. Was natürlich weitaus günstiger ist, als hier in Deutschland den Fiskus zu bedienen.
Dabei bleibt der liebe Herr Schumacher natürlich deutscher Staatsbürger. Immerhin hat er ja hier bei uns die meisten Fans. Sähe doch irgendwie nicht gut aus, wenn er plötzlich Schweizer werden würde. Obwohl das nach dem alten Klischee vom langsamen Schweizer ganz gut passen würde, so wie er augenblicklich in der Formel-1 unterwegs ist. Was machen wir nun mit dieser dritten Klasse? Die üblichen Fragen können wir nicht stellen. Wahrscheinlich ist der Schumacher in Deutschland inzwischen nur mit dem Privathubschrauber unterwegs, nutzt also nicht unsere Straßen, seine Kinder werden eine staatliche Schule nie von innen kennen lernen und Kindergeld hat die Familie Schumacher schätzungsweise auch nicht bezogen. Mit welchem Recht sollen wir also verlangen, dass er hier bei uns Steuern zahlt? Wir können ihn höchstens ziemlich drittklassig finden. GAH


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