STADTKIND Hannover - Randgruppenbeleidigung
radio-stripper
Neulich las ich von einer Frau (deren Namen die Redaktion natürlich geändert hatte), die immer wieder den gleichen, schrecklichen Traum hat. Sie träumt, dass sie eines Tages zum Telefonhörer greift und eine Nummer wählt, um dem Menschen am anderen Ende, einem völlig Fremden, wirklich alles zu erzählen. Einfach alles, die ganze Geschichte, von vorne bis hinten. Ihr ganzes Leben ohne Auslassungen. Sie erzählt von ihrer schwierigen Kindheit, dass ihr Vater getrunken und sie geschlagen habe, ihre Mutter ebenfalls, nur seltener, sie schildert haarklein die Doktorspiele mit Onkel Franz, der eigentlich nicht ihr Onkel war, sondern ein Nachbar, der aber bei ihr zu Hause ein und aus ging und fast zur Familie gehörte, sie erzählt, dass sie ihren kleinen Hund in der Regentonne ertränkt habe, aus Frust, weil das Zeugnis in der siebten Klasse so schlecht gewesen sei, sich berichtet von ihrer Zeit auf der Hauptschule und von ihren Affären mit Heiko, Stephan, Markus, Karsten, Guido und Dirk, Thomas, Michael, Thorsten, Detlef und Nina, wobei die ein einmaliger Ausrutscher war, im Gegensatz zu Detlef, der ihr Deutschlehrer gewesen sei, und dass das Wörtchen »und« zwischen Guido und Dirk schon seinen Grund habe.
Sie erzählt davon, dass sie nach der Hauptschule noch die Realschule besucht habe, dass sie gekämpft habe und irgendwann tatsächlich den qualifizierten Realschulabschluss in der Tasche hatte, dass sie eigentlich sogar aufs Gymnasium gehen wollte, aber ihr Vater das verboten habe, weil sie endlich ihr eigenes Geld verdienen sollte, dass sie dann eine Lehre in einer Fleischerei angefangen habe, der Chef sie aber immer angefasst hätte, dass sie die Lehre deshalb zuerst abgebrochen habe und schließlich doch in einer anderen Fleischerei beenden konnte. Und dann sei sie mit dem ersten eigenen Geld in der Tasche sofort zu Hause ausgezogen, auch um Onkel Franz aus dem Weg zu gehen. Und sie erzählt weiter, dass sie inzwischen verheiratet sei, aber dass sie wohl eher Pech mit Männern habe, weil ihr Mann ein ziemlicher Versager sei, ohne Job aber dafür mit ziemlich großer Schnauze, und dass sie inzwischen drei Kinder habe, zwei Mädchen und einen Jungen, eine unglaublich wilde Bande, weswegen ihr auch manchmal die Hand ausrutschen würde, und dass es ihr danach immer leid täte und sie dann zur Flasche greifen würde, weil sie auch nicht besser sei, als ihre Eltern, und dass sie wegen dem Alkohol in letzter Zeit häufig zu spät zur Arbeit kommen würde, weswegen wohl jetzt bald die Kündigung ins Haus flattern dürfte, und dass sie, wenn es so weit kommen würde, für gar nichts mehr garantieren könnte. Nebenbei erzählt sie noch, wie sie heißt und wo sie im Augenblick wohnt und dass man vielleicht schon mal den Notarzt rufen sollte.
Was ist an diesem Traum nun besonders schlimm? Es ist ja nur ein Traum. Sie ruft einen fremden Menschen an und erzählt ihm ihre Geschichte – so what? Aber der Traum ist noch nicht zu Ende, denn während sie erzählt, meint sie, aus der Nachbarwohnung ein Echo ihrer Stimme zu hören, und als sie irgendwann das Fenster zur Straße öffnet, steht da ein Wagen mit heruntergelassener Scheibe und aus dem Wagen erklingt ebenfalls ihre Stimme. Und dann begreift sie, dass sie gerade mit irgendeinem Radiotypen telefoniert und legt ganz schnell auf. Später geht sie noch einkaufen und alle zeigen mit dem Finger auf sie. Schrecklich! Ein wahrhaft fürchterlicher Traum.
Was für ein Glück, dass so etwas im wirklichen Leben nie passiert. Man stelle sich das mal vor, dass tatsächlich Leute bei Radiosendern anrufen, um ihre Lebensgeschichte zu erzählen und dabei auch noch ihren Namen und ihre Adresse ausplaudern. Das wäre ja total verrückt. Am Ende könnte man sich sogar vorstellen, dass solche Leute sich in irgendwelche TV-Talkshows setzen und sich medial vollkommen entblößen. Oder dass sie sich im Internet eine eigene Seite einrichten, auf der sie ihre Geschichte dann auch noch bebildern. Aber so verrückt ist ja Gott sei Dank keiner…
- Datei:
randgruppen_07_2010.pdf
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