STADT­KIND Han­no­ver - Rand­grup­pen­be­lei­di­gung

Wahnsinnige Eltern

„Das ist ja unglaublich! Bist du da alleine hochgeklettert? Wahnsinn! Guck mal, die kleine Melanie ist ganz alleine die Leiter hochgeklettert! Und jetzt rutscht sie ganz alleine die Rutsche runter! Wahnsinn!“
Es ist ja immer wieder eine Freude, Eltern auf dem Spielplatz zuzuhören. Und während man noch so bei sich denkt, dass die ganz schön einen an der Waffel haben, weil Melanie schon zweieinhalb Jahre ist und gerade der kleine Daniel mit seinen kaum zwei Jahren ebenfalls die Leiter ganz alleine hochklettert, allerdings ohne Jubelschreie seiner Eltern, denn diese Übung beherrscht er bereits seit vier Wochen, legen Melanies Eltern noch mal nach: „Hast du dir die Mütze aufgesetzt? Ganz alleine? Ganz alleine aufgesetzt? Wahnsinn! Und wie süß du bist mit der Mütze! Sooo süß! Wahnsinn!“ Realistisch betrachtet ist es für ein zweieinhalb Jahre altes Mädchen natürlich keine besondere Kunst mehr, sich eine Mütze aufzusetzen. Und realistisch betrachtet hat die kleine Melanie ein ziemliches Pfannkuchengesicht, oder, um es ein bisschen diplomatischer auszudrücken, als der liebe Gott die Schönheit verteilt hat, stand Melanie nicht unbedingt in der ersten Reihe.
Aber wir wollen nicht ungerecht sein. In der Regel halten Eltern ihre Kinder für etwas ganz Besonderes. Das hat die fuchsige Mutter Natur so eingerichtet. Auf etwas ganz Besonderes gibt man im Normalfall nämlich ganz besonders gut acht. Also sind die lieben Kleinen entsprechend versorgt und umsorgt. Dass Eltern in den ersten Monaten und Jahren nach der Geburt des Nachwuchses einen ziemlichen Knall haben, der realistische Blick Urlaub macht, hat also einen tieferen Sinn.
Normalerweise schwächt sich diese Begeisterung mit der Zeit ab. Spätestens wenn der Nachwuchs in einen Kinderladen oder eine ähnliche Einrichtung kommt, sorgt der direkte Vergleich für Ernüchterung. Da gibt es plötzlich Kinder im gleichen Alter, die schon alleine Fahrrad fahren können, auf die Toilette gehen und ganz passabel Klavier spielen. Der Verdacht auf Hochbegabung zerschlägt sich. Das eigene Kind ist völlig normal. Die kleine Melanie ist gar kein Wunder, sie ist einfach ein Kind. Wunderbar, jetzt können wir uns alle zurücklehnen und uns entspannen.
Leider gibt es aber Eltern, die sich nicht entspannen wollen oder können. Nennen wir sie ruhig die wahnsinnigen Eltern. Solche Eltern entwickeln einen „ausschließenden“ Blick. Soll heißen, sie sehen nur das eigene Kind, das mit drei Jahren mühsam eine Tonleiter auf dem Klavier spielen kann, sie sehen aber nicht all die anderen Kinder, die mit drei Jahren munter Mozart klimpern. Die rosarote Brille sitzt fest auf der Nase, der realistische Blick ist unbekannt verzogen.
Die Kinder solcher Eltern bleiben ihr Leben lang hochbegabt, ganz egal, was der Nachhilfeunterricht kostet. Nichts wie weg, denken dann irgendwann die lieben Kleinen, bevor ich meine Eltern noch enttäusche. Ich werde sicher nicht Chirurg oder Bundeskanzler, ich schaffe ja nicht mal die Versetzung in die zehnte Klasse. Ich werde kein großer Pianist – ich würde ehrlich gesagt viel lieber mal mit meinem Klavierlehrer vögeln. Also packen sie irgendwann heimlich ihre Sieben Sachen und verschwinden, ohne Abschiedsbrief, Telefonnummer oder Postadresse, arbeiten vielleicht in irgendeiner größeren Stadt als Gelegenheitsprostituierte und spülen den Kummer mit Alkohol herunter. Oder sie springen gleich von der nächstbesten Brücke. Okay, das ist jetzt ein bisschen dick aufgetragen, aber wir werden ja sehen, wo diese Generationen von Hochbegabten landen, die dreisprachig aufwachsen, virtuos Klavier spielen, exzellent reiten und auch sonst alles können, was ihre Eltern sich in ihrem Wahnsinn so ausdenken.
Vielleicht werden sie ja auch Psychiater und verfrachten ihre Eltern bei Gelegenheit in die geschlossene Abteilung – wo sie unter uns gesagt auch hingehören.


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