STADTKIND Hannover - Randgruppenbeleidigung
Wahnsinnig witzige Radiomenschen
Man steht auf, die Sonne scheint, verspricht einen schönen Tag, die Nachbarn auf der Straße nicken freundlich, und ausnahmsweise nickt man freundlich zurück, dann steigt man gut gelaunt ins Auto, pfeift sein aktuelles Lieblingslied, macht sich auf den Weg zur Arbeit – und weil man noch eben hören will, was so los ist in der Welt, schaltet man das Radio ein und zappt durch die Kanäle. Erfreulicherweise erklingt bald das aktuelle Lieblingslied. Gott ist mein Freund, denkt man, und dreht die Lautstärke bis zum Anschlag auf, grölt mit, so laut, dass die Windschutzscheibe bebt und die Fahrradfahrer nebenan fast vom Drahtesel kippen. Die Welt ist schön, die Sorgen winzig klein und kein Problem zu groß, um nicht an diesem Tag gelöst zu werden. Doch dann ist das Lieblingslied plötzlich vorbei und die wenigen Sekunden, die man braucht, um das zu realisieren, reichen völlig aus, um den schönen Tag jäh enden zu lassen. Denn ein Schwall guter Laune ergießt sich aus den Lautsprechern, geballter Wortwitz erfüllt das Wageninnere. Weg hier, den Sender wechseln, nur weg! Doch es ist, als hätten sie sich alle gleichzeitig verabredet. Auf jedem Kanal diese lustigen Radiomenschen.
Eine Pest grassiert in Deutschland. Es ist die Pest der Morning-Shows. Da berichtet ein fetter Radiomensch von seinen Versuchen, endlich ein paar Kilos abzunehmen. Aktuelle Gewichtstabellen gibt’s im Internet.
Unglaublich witzig. Eine Frau findet Männer in Sandalen und Socken fürchterlich und quatscht über die größten Modesünden im Sommer. Hat man alles schon tausendmal gehört. Aber das macht ja nichts. Immerhin ist man ja zu zweit. Und zur Jobbeschreiung gehört, dass Moderator I über Moderator II lacht. Laut, leise, kichernd, quiekend, grunzend. Wie sie sich gegenseitig die Bälle zuwerfen, wie ein Kalauer denselben jagt, es ist eine wahre Freude, allerdings nur für die beiden, während man selbst gequält zum nächsten Kanal zappt. Und sich vorstellt, mal eben zum Studio zu fahren, zu all diesen Studios mit den lustigen Radiomenschen, mit irgendeinem Gegenstand bewaffnet, um dort ganz grundsätzlich klarzustellen, dass man nicht einverstanden ist mit ihrer widerwärtigen, aufgesetzten guten Laune. Wer hat eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, dass Radiomoderatoren in Morning-Shows unbedingt lustig sein müssen? Finger hoch! Wer war das? Oder hatte da der Teufel seine Finger im Spiel? Kann nicht mal einer dieser Moderatoren schlechte Laune haben? Es würde doch reichen, in den Pausen zwischen der Musik ein bisschen mit der Zeitung zu rascheln und zu murmeln, dass alles immer noch so beschissen ist wie am Tag zuvor, bevor man das nächste Lied ansagt. Das wäre zumindest mal ein realistisches Format. Setzt sie endlich ab, all diese Morning-Shows, macht diesem Elend ein Ende! Oder klaut ihnen wenigstens ihre Bücher mit den tausend besten Klosprüchen und den tausend besten Witzen. Und sperrt vor allem die Telefonleitungen. Was ist das peinlichste oder lustigste Erlebnis, das ihr hattet, während ihr auf die Wohnungen oder die Tiere eurer Freunde aufgepasst habt, so fragen zum Beispiel die witzigen Radiomenschen.
Und verdammt noch mal, es gibt immer noch ein paar Hohlnasen, ein paar Möchtegern-Co-Moderatoren, die tatsächlich anrufen, um ihre ungeheuer banalen Geschichten unters Volk zu bringen.
Was sind das für Menschen? Haben die nichts Besseres zu tun? Das können doch unmöglich alles Praktikanten sein, die man dazu verdonnert hat, damit der Eindruck entsteht, dass diese Sender gehört werden. Findet am Ende irgendjemand diese Morning-Shows tatsächlich witzig?
Das kann doch alles nicht wahr sein!
- Datei:
randgruppen_08_2010.pdf
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